Vor einiger Zeit war ich mit einem Bekannten unterwegs. Ein kluger, differenzierter Mensch, der als Psychologe arbeitet.
Wir sprachen über das Unbewusste, über Schattenanteile, Bewusstwerdung und persönliche Entwicklung. Seine Gedanken waren messerscharf strukturiert, seine Argumente schlüssig.
Und doch blieb nach unserem Treffen etwas Seltsames zurück.
Es war, als würden die Worte stimmen – aber der Körper nicht.
Als würde das Gesagte zwar klug klingen, aber nicht wirklich durchlebt sein. In der Begegnung erlebte ich wenig Wärme, wenig echtes Interesse am Gegenüber. Wenig von dem, was ich als lebendigen Kontakt bezeichnen würde.
Vielleicht kennst du solche Begegnungen auch.
Wir leben in einer Zeit, in der psychologische Begriffe längst Teil unserer Alltagssprache geworden sind. Wir reden über Trigger, Glaubenssätze, Bindungsmuster und Schatten. Wir analysieren uns selbst und andere und wissen oft erstaunlich genau, warum wir sind, wie wir sind.
Das kann hilfreich sein.
Aber Wissen kann auch zu einer sehr raffinierten Rüstung werden.
Man kann viel über sich wissen – und sich selbst trotzdem nur wenig begegnet sein.
Man kann über Schatten sprechen, ohne den eigenen wirklich zu berühren. Man kann persönliche Entwicklung lehren und emotional schwer erreichbar bleiben. Man kann Gefühle hervorragend erklären und gleichzeitig den Kontakt zum eigenen Körper verlieren.
Dann bleibt Erkenntnis im Kopf stecken.
Ich habe an anderer Stelle ausführlicher darüber geschrieben, warum eine tiefe Erfahrung oder Erkenntnis allein oft nicht ausreicht, damit sich etwas wirklich und dauerhaft verändert.
Für mich bedeutet persönliche Entwicklung deshalb nicht, immer mehr über sich selbst zu wissen. Entscheidend ist, ob unser Verstehen langsam auch in unser Fühlen, unseren Körper und unsere Beziehungen hineinreicht.
Ein ganzheitlicher Mensch ist nicht jemand, der alles verstanden hat.
Sondern vielleicht eher jemand, bei dem Verstand, Körper und Herz zunehmend miteinander sprechen dürfen.
Empathie ist nicht gleich Mitgefühl
Gerade in Beziehungen zeigt sich eine wichtige Unterscheidung: die zwischen Empathie und Mitgefühl.
Empathie ist dabei kein einheitliches Phänomen. Die Forschung unterscheidet unter anderem zwischen einer eher kognitiven Empathie – also der Fähigkeit, die Perspektive und Gefühle eines anderen Menschen zu verstehen – und einer affektiven Empathie, bei der wir emotional mit einem anderen Menschen mitschwingen. Einen guten Überblick über die Unterscheidung zwischen Empathie und Mitgefühl geben Tania Singer und Olga Klimecki.
Beides gehört zu unserem menschlichen Zusammenleben.
Doch jemanden gut verstehen zu können bedeutet noch nicht automatisch, ihm auch wohlwollend zugewandt zu sein. Und stark mitzufühlen bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir dem anderen dadurch besser helfen können.
Vielleicht ruft dich eine Freundin verzweifelt an. Während sie erzählt, merkst du, wie sich dein eigener Magen zusammenzieht. Dein Atem wird flacher, deine Schultern spannen sich an. Ihre Angst wird immer mehr zu deiner Angst.
Nach dem Gespräch bist du erschöpft.
Du warst ihr sehr nahe – vielleicht aber so nahe, dass du selbst den Boden unter den Füßen verloren hast.
In der Forschung wird für solche Reaktionen unter anderem der Begriff empathic distress verwendet – eine Form empathischer Belastung, bei der das Leid des anderen zunehmend zu eigenem Stress wird.
Wichtig ist dabei eine Differenzierung: Nicht Empathie an sich macht uns krank oder führt zwangsläufig zur Erschöpfung.
Eine aktuelle Metaanalyse bei Pflegekräften zeigt vielmehr, dass unterschiedliche Formen von Empathie sehr verschieden mit Burnout zusammenhängen können. Gerade die persönliche Belastung durch das Leid anderer scheint problematisch zu sein, während etwa die Fähigkeit zur Perspektivübernahme durchaus anders wirken kann. Wer sich dafür interessiert, findet die 2026 veröffentlichte Metaanalyse hier.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Nicht das Mitfühlen erschöpft uns zwangsläufig. Problematisch wird es, wenn wir uns im Gefühl des anderen verlieren.
Mitgefühl: verbunden bleiben, ohne zu verschmelzen
Mitgefühl geht einen Schritt weiter.
Es nimmt das Leiden eines anderen Menschen wahr und verbindet diese Wahrnehmung mit einer wohlwollenden Haltung:
Ich sehe, dass du leidest. Und ich wünsche dir, dass dieses Leiden leichter wird.
Dabei muss ich nicht selbst dasselbe fühlen wie du.
Genau diese Fähigkeit wird auch im MBCL – Mindfulness-Based Compassionate Living systematisch geübt: Mitgefühl mit anderen und mit sich selbst zu entwickeln, ohne dabei die eigene Stabilität aus dem Blick zu verlieren.
Neurowissenschaftliche Untersuchungen von Olga Klimecki, Tania Singer und Kolleginnen und Kollegen haben versucht, die Unterschiede zwischen empathischem Miterleben und Mitgefühl genauer zu erfassen.
In einer Trainingsstudie zu Empathie und Mitgefühl nahm nach einem Training empathischer Resonanz zunächst der negative Affekt zu. Nach einem anschließenden Mitgefühlstraining zeigte sich dagegen mehr positiver Affekt; zugleich veränderten sich die beteiligten neuronalen Aktivierungsmuster.
Das bedeutet nicht: Empathie ist schlecht und Mitgefühl ist gut.
So einfach funktioniert unser emotionales Erleben nicht.
Aber die Ergebnisse weisen auf etwas hin, das ich auch aus meiner Arbeit mit Menschen immer wieder kenne:
Mitgefühl braucht Nähe und gleichzeitig ein inneres Zentrum.
Oder etwas kürzer:
Empathie fühlt mit. Mitgefühl hält.
Offen sein – und trotzdem bei sich bleiben
In meinen Seminaren höre ich immer wieder von Menschen, dass sie sehr fein wahrnehmen, wie es anderen geht.
Sie spüren Spannungen im Raum. Sie merken schnell, wenn jemand traurig, verletzt oder ärgerlich ist. Sie können sich gut in andere hineinversetzen.
Und genau das kann manchmal kräftezehrend werden.
Die naheliegende Reaktion besteht dann häufig darin, sich stärker abzugrenzen: weniger fühlen, Abstand halten, vielleicht sogar einen inneren Schutzpanzer aufbauen.
Ich halte das auf Dauer nicht für die beste Lösung.
Was wir brauchen, ist nicht weniger Empfindsamkeit, sondern mehr innere Stabilität im Umgang mit unserer Empfindsamkeit.
Eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis kann dabei helfen, körperliche und emotionale Reaktionen früher wahrzunehmen und nicht unmittelbar von ihnen mitgerissen zu werden.
Mitgefühl bedeutet nicht, jede Grenze aufzugeben.
Im Gegenteil.
Mitgefühl bleibt in Kontakt, ohne zu verschmelzen. Es nimmt den Schmerz des anderen ernst, ohne ihn vollständig zu übernehmen.
Ich mag dafür das Bild des Brustkorbs:
Unser Herz ist weich und beweglich – und gleichzeitig geschützt.
Genauso braucht auch psychische Offenheit eine Form.
Wenn ich mich völlig im anderen verliere, kann Nähe zur Überforderung werden. Wenn ich mich dauerhaft abschotte, wird aus Schutz irgendwann Distanz.
Die Kunst liegt irgendwo dazwischen:
offen bleiben und gleichzeitig verwurzelt sein.
Woher unsere Schutzpanzer kommen
Wenn Menschen emotional schwer erreichbar sind, sollten wir allerdings vorsichtig damit sein, vorschnell über sie zu urteilen.
Denn unsere Art, mit Gefühlen umzugehen, entsteht nicht im luftleeren Raum.
Viele Menschen haben in ihren Familien gelernt, dass Funktionieren wichtiger ist als Fühlen. Krieg, Flucht, Verlust, Armut oder andere schwere Erfahrungen können beeinflussen, wie innerhalb einer Familie mit Angst, Nähe, Verletzlichkeit und emotionaler Offenheit umgegangen wird.
Ich kenne das auch aus meiner eigenen Biografie – durch meine Herkunft aus dem ehemaligen Jugoslawien und durch das Leben zwischen unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen.
Manches, was von außen wie Kälte aussieht, war ursprünglich vielleicht einmal eine notwendige oder zumindest hilfreiche Schutzstrategie.
Das verändert den Blick.
Auch die Forschung beschäftigt sich damit, wie die Folgen schwerer Belastungen über Generationen hinweg weiterwirken können – etwa über Erziehung, Bindungs- und Beziehungsmuster, familiäre Kommunikation und möglicherweise auch über biologische Mechanismen.
Gerade beim Thema Epigenetik ist jedoch Vorsicht geboten. Hinweise auf solche Mechanismen gibt es, aber eine einfache biologische „Vererbung von Trauma“ beim Menschen lässt sich daraus nicht ableiten. Einen differenzierten Überblick bietet die Arbeit von Rachel Yehuda und Amy Lehrner zur intergenerationalen Weitergabe von Traumafolgen.
Für mich ist ohnehin etwas anderes entscheidender:
Zu verstehen, woher ein Schutzpanzer kommt, bedeutet nicht, dass er für immer bleiben muss.
Und es bedeutet auch nicht, jedes Verhalten zu entschuldigen.
Aber dieses Verständnis kann unseren Blick verändern.
Vielleicht werden wir etwas weniger vorschnell in unserem Urteil – über andere und über uns selbst.
Eine kleine Praxis: Ausatmen und ankommen
Ich möchte dir zum Schluss kein weiteres Konzept mitgeben, sondern eine kleine Übung.
Probiere sie einmal aus, wenn dir jemand von einem Problem erzählt und du bemerkst, dass dich das Erzählte stark mitnimmt.
1. Wahrnehmen
Spüre für einen Augenblick deinen Körper.
Was geschieht gerade in mir?
Zieht sich etwas zusammen?
Halte ich unbewusst den Atem an?
Werden meine Schultern fest?
Werde ich innerlich unruhig?
Du musst daran zunächst nichts verändern.
Nimm es einfach wahr.
2. Ausatmen
Atme bewusst etwas länger aus.
Lass beim Ausatmen die Schultern sinken.
Spüre den Kontakt deiner Füße zum Boden.
Nicht, um dich vom anderen zurückzuziehen.
Sondern um wieder auch bei dir selbst anzukommen.
3. Die innere Haltung verändern
Vielleicht sagst du still zu dir:
„Ich sehe deinen Schmerz.“
Und dann:
„Möge es dir bald etwas leichter werden.“
Du musst das Leid des anderen nicht übernehmen, um ihm nahe zu sein.
Vielleicht ist gerade das eine reifere Form von Nähe.
Herz und Haltung
Manchmal sind wir so sehr damit beschäftigt, uns selbst und andere zu verstehen, dass wir vergessen zu spüren, was gerade wirklich zwischen uns geschieht.
Achtsamkeit erinnert uns daran, wieder wahrzunehmen.
Den Körper.
Den Atem.
Das Gegenüber.
Und auch die eigene Grenze.
Nicht als Mauer.
Sondern als einen Ort, von dem aus Begegnung überhaupt erst möglich wird.
Wissen kann beeindrucken. Mitgefühl verbindet.
Vielleicht möchtest du in den kommenden Tagen einmal beobachten:
Wo bin ich wirklich in Kontakt – und wo verstehe ich nur?
Und vielleicht noch wichtiger:
Kann ich einem anderen Menschen nahe sein, ohne mich dabei selbst zu verlieren?
Literatur und weiterführende Quellen
Singer, T. & Klimecki, O. M. (2014): Empathy and compassion. Current Biology, 24(18), R875–R878.
Klimecki, O. M., Leiberg, S., Ricard, M. & Singer, T. (2014): Differential pattern of functional brain plasticity after compassion and empathy training. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 9(6), 873–879.
Maximiano-Barreto, M. A. et al. (2026): Impact of Subdomains of Affective and Cognitive Empathy on Burnout Syndrome in Nurses: A Meta-Analysis. International Nursing Review.
Yehuda, R. & Lehrner, A. (2018): Intergenerational transmission of trauma effects: putative role of epigenetic mechanisms. World Psychiatry, 17(3).