„Was ist, darf sein. Was sein darf, kann sich verändern.“
(Werner Bock)
Dieser Satz begleitet mich seit vielen Jahren.
Vielleicht, weil er etwas auf den Punkt bringt, das für mich sowohl in der Achtsamkeitspraxis als auch in der Gestalttherapie von zentraler Bedeutung ist:
Veränderung beginnt häufig nicht damit, dass wir etwas beseitigen. Sie beginnt damit, dass wir wahrnehmen und zulassen, was bereits da ist.
Das klingt einfach.
Ist es aber nicht.
Vor allem dann nicht, wenn das, was da ist, Angst heißt. Trauer. Schmerz. Scham. Verletzlichkeit. Krankheit oder innere Unruhe.
Dann wollen wir normalerweise nicht wahrnehmen.
Dann wollen wir weg.
Die Angst soll verschwinden.
Die Trauer soll aufhören.
Der Körper soll wieder funktionieren.
Die Gedanken sollen endlich still werden.
Das ist menschlich.
Aber manchmal machen wir genau damit den zweiten Schritt vor dem ersten.
Erst zulassen, dann loslassen
Wir sprechen viel vom Loslassen.
Von Ängsten, alten Beziehungen, Erwartungen, Gedanken und Mustern.
Aber wie soll ich etwas loslassen, mit dem ich noch gar nicht wirklich in Kontakt gekommen bin?
Vielleicht besteht der erste Schritt deshalb nicht im Loslassen.
Sondern im Zulassen.
Nicht darin, etwas schönzureden oder sich darin zu verlieren. Sondern einen Moment lang wahrzunehmen:
Da ist Angst.
Da ist Schmerz.
Da ist Anspannung.
Da ist der Wunsch, dass es anders sein soll.
Auch unser Widerstand gehört zunächst zu dem, was gerade ist.
Akzeptanz heißt nicht: Alles ist gut
Akzeptanz wird schnell missverstanden.
Sie bedeutet nicht:
Das ist gut.
Sie bedeutet auch nicht:
Das gefällt mir.
Und schon gar nicht:
Das soll so bleiben.
Akzeptanz bedeutet zunächst:
So ist es im Moment.
Ich kann anerkennen, dass mich jemand verletzt hat, und trotzdem eine klare Grenze ziehen.
Ich kann meine Angst wahrnehmen und trotzdem handeln.
Ich kann eine Krankheit akzeptieren und gleichzeitig alles medizinisch Sinnvolle tun.
Akzeptanz ist keine Kapitulation.
Sie beendet lediglich den sinnlosen Kampf gegen die Tatsache, dass etwas jetzt gerade bereits so ist.
Was danach geschieht, ist eine andere Frage.
Manchmal braucht es Mitgefühl.
Manchmal eine Grenze.
Manchmal ein klares Nein.
Und manchmal braucht es genau das, worüber ich in meinem Beitrag über Selbstverantwortung und Veränderung geschrieben habe: den Mut, den eigenen Handlungsspielraum zu nutzen.
Akzeptanz ersetzt Handlung nicht. Sie schafft einen ehrlicheren Boden dafür.
Ich kenne diesen Kampf aus meinem eigenen Leben
Ich kenne diese Dynamik nicht nur aus Seminaren, Coachings und therapeutischen Begleitungen.
Ich kenne sie aus meinem eigenen Leben.
Vor allem als Jugendlicher wollte ich bestimmte Seiten von mir nicht spüren.
Ängste, Unsicherheit und Verletzlichkeit hatten wenig Raum. Sie passten nicht zu dem Bild, das ich von mir haben wollte – oder glaubte, haben zu müssen.
Ich wollte stark sein.
Funktionieren.
Mich nicht angreifbar zeigen.
Was in mir Angst hatte oder verletzt war, sollte möglichst verschwinden. Zumindest sollte es niemand sehen.
Oft nicht einmal ich selbst.
Natürlich verschwand es nicht.
Rückblickend würde ich sogar sagen: Gerade der Kampf gegen diese Seiten hielt vieles davon fest.
Was wir dauerhaft nicht wahrhaben wollen, ist deshalb nicht einfach weg. Es kann im Hintergrund weiterwirken – in Anspannung, Kontrolle, Rückzug, Überanpassung oder in dem Gefühl, ständig gegen etwas in sich selbst ankämpfen zu müssen.
Erst als ich allmählich lernte, diesen Seiten mehr Raum zu geben, begann sich etwas zu verändern.
Nicht sofort.
Nicht geradlinig.
Und nicht dadurch, dass ich plötzlich alles an mir gut fand.
Ich begann lediglich ehrlicher wahrzunehmen:
Da ist Angst.
Da ist Verletzlichkeit.
Da ist etwas, das Schutz braucht.
Da ist etwas, das lange keinen Platz haben durfte.
Für mich brauchte es wesentlich mehr Mut, diese Seiten wirklich zu spüren, als sie weiterhin hinter Stärke und Funktionieren zu verstecken.
Und vielleicht besteht ein Teil von Persönlichkeitsentwicklung genau darin:
nicht immer noch jemand anderes werden zu wollen.
Sondern zunächst ehrlicher mit dem Menschen in Kontakt zu kommen, der man gerade ist.
Das Paradox der Veränderung
In der Gestalttherapie gibt es dafür einen zentralen Gedanken: die paradoxe Theorie der Veränderung von Arnold Beisser.
Beisser beschrieb bereits 1970 sinngemäß: Veränderung entsteht nicht dadurch, dass ein Mensch krampfhaft versucht, jemand anderes zu werden. Sie kann entstehen, wenn er sich auf das einlässt, was und wie er gegenwärtig tatsächlich ist.
Carl Rogers formulierte einen sehr ähnlichen Gedanken:
„Das merkwürdige Paradox ist: Wenn ich mich so annehme, wie ich bin, kann ich mich verändern.“
Für mich steckt darin eine einfache Wahrheit:
Ich kann nur von dort losgehen, wo ich tatsächlich stehe.
Wenn ich mich ständig dafür verurteile, noch nicht dort zu sein, wo ich angeblich sein sollte, entsteht zusätzlicher Druck.
Ich müsste gelassener sein.
Weniger ängstlich.
Weiter entwickelt.
Achtsamer.
Und irgendwann wird sogar die Achtsamkeit selbst zum Optimierungsprojekt.
Dann meditiere ich nicht mehr, um wahrzunehmen.
Ich meditiere, damit ich endlich anders werde.
Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied.
Achtsamkeit ist kein Wegmachen
In der Achtsamkeit geht es deshalb nicht darum, unangenehme Zustände wegzumeditieren.
Auch wenn wir uns das manchmal wünschen.
Achtsamkeit schafft zunächst die Möglichkeit, genauer wahrzunehmen:
Was geschieht gerade in meinem Körper?
Welche Gedanken tauchen auf?
Welche Gefühle sind da?
Wo werde ich eng?
Wo kämpfe ich?
Und kann ich einen Moment lang bei dieser Erfahrung bleiben, ohne sofort etwas daraus machen zu müssen?
Gerade beim Umgang mit Angst kann diese Unterscheidung hilfreich sein. In meinem Beitrag „Angst füttern“ beschreibe ich genauer, wie Gedanken, Körperwahrnehmung und Gefühle ineinandergreifen.
Natürlich ist Akzeptanz nicht immer die einzige hilfreiche Strategie.
Manchmal brauchen wir Abstand.
Manchmal Ablenkung.
Manchmal eine klare Neubewertung oder schlicht eine Pause.
Psychologische Forschung zeigt deshalb ein differenzierteres Bild: Eine akzeptierende Haltung kann bei belastenden Emotionen hilfreich sein, aber entscheidend ist nicht eine einzige „richtige“ Strategie. Wichtiger scheint die Fähigkeit zu sein, flexibel auf unterschiedliche Situationen zu reagieren.
Auch akzeptanzbasierte Verfahren wie die Acceptance and Commitment Therapy sprechen deshalb von psychologischer Flexibilität: wahrnehmen zu können, was da ist, und trotzdem entsprechend der eigenen Werte und Möglichkeiten zu handeln.
Eine kleine Praxis: Was ist gerade wirklich da?
Wenn in den nächsten Tagen etwas Unangenehmes auftaucht – Ärger, Unsicherheit, Anspannung oder Enttäuschung –, probiere für einen Moment Folgendes:
1. Halte kurz inne
Unterbrich das automatische Reagieren.
Vielleicht nur für drei Atemzüge.
2. Benenne, was da ist
Nicht:
„Ich bin ein ängstlicher Mensch.“
Sondern:
„Da ist gerade Angst.“
Nicht:
„Ich bin völlig fertig.“
Sondern:
„Da ist Erschöpfung und Druck.“
3. Spüre den Körper
Wo zeigt sich das?
Im Brustkorb?
Im Bauch?
Im Hals?
In den Schultern?
Versuche nicht sofort, etwas zu verändern.
4. Frage erst danach: Was braucht es jetzt?
Ruhe?
Bewegung?
Ein Gespräch?
Eine Grenze?
Mitgefühl?
Professionelle Unterstützung?
Oder vielleicht gerade nichts?
Akzeptanz bedeutet nicht, stehen zu bleiben.
Aber du beginnst deine nächste Bewegung dort, wo du wirklich bist.
Du musst nicht lieben, was ist
Ich glaube, wir machen Akzeptanz unnötig schwer, wenn wir daraus ein großes inneres Ja machen.
Manches im Leben verdient kein begeistertes Ja.
Manches tut weh.
Manches ist ungerecht.
Manches hätten wir uns niemals ausgesucht.
Vielleicht genügt deshalb manchmal ein viel kleinerer Satz:
„Ich sehe, dass es so ist.“
Das kann bereits viel sein.
Vielleicht entsteht daraus nicht sofort Leichtigkeit.
Aber möglicherweise etwas Boden.
Und Boden brauchen wir, wenn wir uns bewegen wollen.
Vielleicht fragst du dich deshalb beim nächsten unangenehmen Gefühl nicht zuerst:
Wie bekomme ich das weg?
Sondern:
Kann ich einen Augenblick lang wirklich wahrnehmen, was gerade da ist?
Und erst danach:
Was wäre jetzt ein guter nächster Schritt?
Literatur und weiterführende Quellen
Beisser, A. R. (1970): The Paradoxical Theory of Change. In J. Fagan & I. L. Shepherd (Hrsg.): Gestalt Therapy Now: Theory, Techniques, Applications. Palo Alto: Science and Behavior Books.
Bock, W. (2003): Arnold Beisser und das Paradox der Veränderung in der Gestalttherapie. Gestaltkritik 2/2003.
Rogers, C. R. (1961): On Becoming a Person: A Therapist’s View of Psychotherapy. Boston: Houghton Mifflin.
Campbell-Sills, L., Barlow, D. H., Brown, T. A. & Hofmann, S. G. (2006): Effects of suppression and acceptance on emotional responses of individuals with anxiety and mood disorders. Behaviour Research and Therapy, 44(9), 1251–1263.
Levin, M. E., Krafft, J. & Twohig, M. P. (2024): An Overview of Research on Acceptance and Commitment Therapy. Psychiatric Clinics of North America, 47(2), 419–431.